Krise und Austerität

text 240812

Das neoliberale Projekt erschien so erfolgreich, dass Wirtschaftsnobelpreisträger Robert E. Lucas am 10.01.2003 verkündete, die Wirtschaftswissenschaften hätten ihre Aufgaben gelöst. Die Makroökonomie, die in den 30er Jahren als Reaktion auf die große Depressionen begründet worden war, habe nun über Jahrzehnte ein Wiederauftreten dieser Katastrophe verhindert und selbst den Konjunkturzyklus unter Kontrolle gebracht.


Globus und Netz

text 220812

Für etwas Neues hat man am Anfang immer nur die alten Begriffe. Globus ist ein solches Wort, und mit ihm auch Globalisierung. Sie benennen eine alte, fast noch koloniale Kategorie, deren Wirkung verschwindet, weil man noch nicht weiß, wie das Kommende heißen könnte.


Regierung

text 210812

Wir denken das Regieren üblicherweise mit der Form des Staates zusammen. Also gebunden an ein Territorium, in dem bestimmte Gesetze gelten, Entscheidungen für und über alle getroffen werden, Gewalt ausgeübt oder angedroht wird und, ums ganz allgemein zu sagen, in das einzelne Leben hinein bestimmt wird.
Aber das Regieren muss nicht an den Staat gebunden sein, Gesetze können sozial statt territorial gelten, von Religionen oder anderen Institutionen gemacht sein. Der Staat stellt nichts weiter dar, als eine von vielen Formen des Regierens, und eine wandelbare dazu.


Die große Mäßigung

text 190812

10 Jahre später schien sich alles zum Guten zu wenden. Nicht nur politisch mit dem Ende des kalten Kriegs, sondern auch ökonomisch. “Great Moderation”, die große Mäßigung, nannte Bernanke jene glückliche Phase, in der sich sämtliche wirtschaftlichen Koordinaten zum besten wandten – niedrige Inflationsrate, sinkende Zinsen, steigende Aktienkurse, hohe Anleihepreise, passables Wirtschaftswachstum, wunderschöne Profite, speziell im finanziellen Sektor. 15 Jahre ohne Krise, abgesehen von der Internet-Bubble, der letzten klassischen Investment-Phantasten-Blase. Sie blieb ein Problem der Kleinanleger ohne das eigentliche Geschäft zu berühren. Das System steckte sie mit einer zuvor nicht gekannten Widerstandsfähigkeit weg.


1979

text 190812

Wenn überhaupt ein bestimmtes Datum für eine grundlegende Wende in der Wirtschaftslage nach dem zweiten Weltkrieg genannt werden kann, dann das Jahr 1979, und zwar genauer der 6. Oktober. Oft wird das Aufkündigung der Wirtschaftsordnung nach Bretton Woods im Jahr 1973 als das bedeutungsvollere Datum angesehen. Aber tatsächlich wurden dort nur einige Bedingungen gesetzt, die schließlich zu den Maßnahmen des Jahres 1979 führten. Was in diesem Jahr geschah, betrifft das Verhältnis von Staaten zu Banken, von privaten zu öffentlichem Krediten, von Vermögen zu Konsum fundamental.


Forderungen

text 190812

Manche Forderungen werden an uns gestellt. Andere stellen wir. Manche Forderungen richten sich an jemanden. Andere bleiben ungerichtet. Die Spanne reicht von “Ich möchte, dass jetzt alles besser wird” bis zu “wir fordern sie letztmalig auf, ihre Rechnung zu begleichen.”
Die einen sind die Forderungen, die gestellt werden. Einerlei von wem sie kommen oder an wen sie sich richten, es handelt sich um Forderungen, die sozusagen in der Luft liegen. Sie fordern eine andere Welt. Bei Forderungen dieser Art handelt es sich nicht um eine Form von Widerstand. Sie gehen nicht von der Negation, sondern von einer Affirmation aus, allerdings von der Affirmation einer anderen, möglichen oder auch unmöglichen Welt. (Das vielleicht im Sinn von Badiou2007) Die Forderungen kritisieren nicht die Zustände, wie sie sind, sondern verlangen etwas, das nicht ist. Widerstand und Kritik bleiben demgegenüber zweitrangig.


Paradies 2000

text 180812

Dass es allen in Zukunft besser gehen wird, war eines der großen Versprechen. Die Geschichte hatte sich in einen Motor des Fortschritts verwandelt, angetrieben von den Kräften eines guten Kapitalismus. Alle würden wir an den technischen Errungenschaften partizipieren, wie die Teflon-Pfanne an der Mondlandung. Der Überfluss der Güter würde den letzten Winkel des Globus erreichen. Die Welt ging einer glücklichen Zukunft entgegen. Das künftige Paradies wartete nicht im ewigen Himmelreich, sondern im Jahr 2000.


Vorhaben

text 170812

Lassen wir das ewige Erklären für einen Moment beiseite, um ein wenig über das zu sprechen, was kommt und was kommen kann. Dann stellen sich drei Fragen.
Was ist im Kommen?
Was können wir fordern und tun?
Um wen handelt es sich bei diesem “wir”?
Diesen Fragen entsprechen die drei Kapitel des Buchs.
Das erste geht um die ökonomische und politische Lage. Sein Titel könnte Bond-Age heissen.
Das zweite fragt nach dem “Wir”, nach dem Zusammenschluss der Vielen, nach den Medien und Erzählungen und Ereignissen einer möglichen Gemeinschaft.
Das dritte Kapitel schließlich handelt von den möglichen und unmöglichen Forderungen.