13.2.26
»Under Destruction« lautet der Titel des diesjährigen »Sicherheitsberichts« der Münchner »Sicherheitskonferenz«. Alles in Anführungszeichen, weil bei derartigen Werbeveranstaltungen der Waffenlobby kaum ein Wort das sagt, was es meint. Schließlich gilt Unsicherheit als Geschäft, bedeutet Zerstörung Gewinn. >
Die Stimmung im Bayerischen Hof ist getrübt, seit der Ostfeldzug, den man vor vier unter dem unschlagbar hoffnungsvollen Titel »Unlearning Helplessness« mit begeisterter Vorfreude kaum erwarten konnte, immer gründlicher schiefgeht. In den Titeln der jährlichen Zusammenkünfte zeigt sich erstaunlicherweise oft eine gewisse Aufrichtigkeit. 2023 wuchsen erste Zweifel, es stand eine »Re-Vision« an. Denn allen Ankündigungen und Versprechen zum Trotz war der Feind im Osten noch nicht zusammengebrochen, Russland noch nicht »ruiniert«. Im Folgejahr titelte man sorgenvoll »Lose-lose«, um sich einzureden, es würden immerhin alle Beteiligten gleichermaßen verlieren.
Letztes Jahr erreichte man unter dem Motto »Multipolarization« ein erstes Etappenziel im Tal der Tränen. Trump war wieder an der Regierung und hatte seinen Vize JD Vance geschickt, um den europäischen Scharfmachern die Leviten zu lesen. Der scheidende Chef der Münchner Konferenz, Christoph Heusgen, noch immer auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch Russlands eingeschworen, brach beim Abschied in einen Heulkrampf aus.
Heuer also Abrissbirne, »Under Destruction«. Ein Schimmer Hoffnung schwingt in dem Titel schon wieder mit. Denn eigentlich heißt es »Under Construction«, nur das traut man sich noch nicht zu sagen. Doch bald kommen die Midterms, und der schreckliche Präsident Trump, der die »regelbasierte Ordnung«, von der der ganze Westen so schön profitiert hat, derart durcheinander wirbelt, wird aller Voraussicht nach einen herben Dämpfer erhalten. So darf die Kriegergemeinschaft hoffen, schon im nächsten Jahr in Washington wieder etwas Oberwasser zu haben.
Über all diesen Erzählungen schwebt ein großes Fragezeichen. Wie eigentlich wird westliche Außenpolitik fabriziert? Im sogenannten Blob? Als Konsens gemeinsamer Ziele oder in einer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Fraktionen? Und um auf den nächsten anstehenden Waffengang gegen den Iran zu kommen: Hat Israel den »Blob« der Krieger übernommen, wie es der New Yorker Politologe John Mearsheimer immer wieder behauptet? Gar mit freundlicher Unterstützung durch Kompromat von Epsteins Insel, was in viel dunkleren Kanälen gemunkelt wird? Oder ist auch das Land zwischen Fluss und Meer nur ein Bauer, der im »großen Spiel« geopfert wird, genauso wie die Ukraine?
Aus all den ungeklärten Umständen der Weltlage zieht der Security-Report der »Unsicherheitskonferenz« fürs erste die für die Aktienkurse der beteiligten Sponsoren erfreulichste Konsequenz: »In einer Zeit der Abrissbirnenpolitik läuft jeder, der nur daneben steht und zusieht, Gefahr, verschüttet zu werden. Angesichts des Ausmaßes der laufenden Zerstörung reicht es nicht mehr, nur mit kleinen Schritten auszuweichen, um den Status quo zu halten. Wer sich der Politik der Zerstörung widersetzen will, muss essentielle Strukturen stärken, neue und nachhaltigere Entwürfe vorlegen und sich selbst mutig am Aufbau beteiligen. Es steht zu viel auf dem Spiel. Tatsächlich steht alles auf dem Spiel.«
Dass das alles teuer wird, sogar sehr teuer, ist schon mitkalkuliert und Zweck der gesamten Veranstaltung. Wobei sie mit der Aussage am Ende durchaus recht haben könnten. Denn tatsächlich geht es um den Fortbestand der westlichen hegemonialen Weltordnung.
Erst ist der große Plan nicht aufgegangen: China mit Wandel durch Handel einzugliedern. Dann ist der kleine Plan gescheitert: nämlich Russland durch Sanktionen zu ruinieren. Nebenbei schwindet die große Hoffnung, mit künstlicher Intelligenz den Gral der Singularität zu finden, was kalifornischen Propheten zufolge zu sofortiger Weltbeherrschung qua höherer Intelligenz führt. Und jetzt? Jetzt geht es für ein paar Leute wirklich um alles.