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Für eine unendliche Bibliothek

13.5.09 Artikel/article



taz
Ich mag Bücher. Aber im Lauf der nächsten Monate werde ich meine materielle Bibliothek in einer immateriellen verdoppeln, und mehr als verdoppeln. Um es gleich vorweg zu nehmen: die Kosten der wundeerbaren Vervielfältigung werden bei Null liegen. Denn alles, was auf Papier in den Regalen steht, benötige ich als digitalen Text noch einmal. Es geht mir dabei nicht um eine Lektüre, die als Unterhaltung betrieben wird. Lesen ist wie Schreiben meine tägliche Arbeit. Da Schreiben eine Form des Denkens ist, fallen Lesen und Schreiben zusammen. Es wird nun höchste Zeit, die gelesenen Texte im selben Format verfügbar zu haben wie die geschriebenen.
Wie gesagt: ich habe nicht vor, für die Verdoppelung meiner Bibliothek auch nur einen Cent auszugeben, es sei denn für Festplatten. Alles andere kann ich mir nicht leisten. Allein der Versuch, meine Bücher erneut als eBook zu kaufen, würde mich entweder auf der Stelle ruinieren oder um Jahrzehnte zurückwerfen.
Warum gerade jetzt? Weil es jetzt die ersten Lesegeräte gibt, die als Buchersatz taugen. Amazons Kindle gibt es schon eine Weile, aber taugt nichts. Denn die Maschine ist so gebaut, dass sie nur wieder und wieder den Online-Buchhändler anrufen kann. Nein, ich werde mir vermutlich das Konkurrenzgerät von Sony anschaffen. Und zwar aus einem einfachen Grund. Es verfügt über eine offene Schnittstelle, über die ich Texte und Dateien nach Belieben zuladen und kopieren kann.
Umberto Eco reist mit 250GB an Texten auf einer Festplatte umher, heißt es. Schade, dass ich ihn nicht gut genug kenne. Sonst würde ich keine Sekunde zögern, ihn um eine Kopie seiner mobilen Bibliothek zu bitten. Das lässt sich bei einem Kaffee nebenher erledigen. Selbstverständlich gerne im Austausch gegen das, was bei mir zu haben ist. Ich weiß nicht genau, welche Menge an Information die gesamten Texte unserer Welt im Volltext ausmachen. Die Library of Congress besitzt 30 Millionen Bücher, die Staatsbibliothek 20 Millionen. Für alle Texte, die ich je in meinem Leben zu lesen gedenke, reicht eine handelsübliche große Festplatte bei weitem aus. Eingeschlossen alles, was ich nur kurz nachschlagen würde. Ja, wir sind bereit, in das digitale Paradies der unendlichen Bibliothek einzutreten, jedenfalls was die rein technischen Seite betrifft.
Wozu noch weiter umständlich in die Bibliothek gehen, dort Bücher bestellen und an einen Arbeitsplatz schleppen? Wozu sich Aufsätze aus Wälzern kopieren, abheften, anstreichen, exzerpieren? Wozu entlegene Werke per Fernleihe bestellen, wenn sie digital da sind?
Wie gesagt: ich mag Bücher. Aber es macht keinen Sinn, sie mir aufzunötigen, wo andere Formen von Text ungleich praktischer, leichter zu übermitteln und zu verarbeiten sind. Es wird weiterhin Bücher geben. Bestseller, die in so großen Auflagen billig verkauft werden, dass der Komfort des Buches die verbleibenden Nachteile der Lesegeräte ausgleicht. Coffeetable Books, Zeitschriften, Bücher als Objekte und Bildbände.
Aber manche Texte werden besser nicht zu Büchern. Man sehe sich schon heute den teils auch noch staatlich bezuschussten Unfug der akademischen Sammelbände und der gedruckten Dissertation an. Da werden überflüssige Druckkosten finanziert, die nur dafür sorgen, dass die Texte nicht im Netz verfügbar sind, sondern zwischen Buchdeckeln weggesperrt in Bibliotheken stehen. Um eines geht es den Sammelbanditen gewiss nicht: um die Verbreitung ihres Wissens, also um das, was Wissenschaft im Kern ausmacht. Nein, die einen wollen ein unrentables Buchgeschäft auf Staatskosten fortführen. Die anderen schätzen den repräsentativen Charakter, den ein Buch nun einmal hat. Um Wissen und Wissenschaft geht es beiden Seiten schon längst nicht mehr.
Ein vergleichbarer Unfug begegnet im sogenannten Heidelberger Appell wieder. Es ist ein seltsames Dokument, dessen Verfasser die Zeichen der Zeit wohl sehen, aber nicht wahrhaben wollen. Und dessen Unterzeichner zumeist gar nicht zu verstehen scheinen, wofür und vor allem wogegen sie sich aussprechen. Unter dem Deckmantel, für das Urheberrecht zu kämpfen, sollen überkommene Geschäftsmodelle der Verlage gerettet werden, die sich so nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Dabei geht es nicht um das Urheberrecht, sondern darum, es kaufen und nutzen zu können. Und zwar zu dem einfachen Zwecke, die Zirkulation der Texte künstlich zu beschränken. Nun treten wir aber in eine Zeit ein, in der das Kopieren und Verteilen von Texten so gut wie keine Mühe macht und keinerlei Kosten mehr verursacht. Das Urheberrecht kam unter anderen Vorgaben und vor allem unter ganz anderen technischen Gegebenheiten zustande. So zu tun, als könnten wir es einfach auf das Netz übertragen, verlangt im Kern, die Verbreitung der Daten insgesamt zu kontrollieren und gegebenenfalls anzuhalten. Das wäre ungefähr so, als hätte man bei der Erfindung des Buchdrucks verlangt, es dürften nie mehr Bücher gedruckt werden, als sich von Hand in der gleichen Zeit schreiben lassen. Man muss sich über derlei Unfug nicht all zu viele Gedanken machen. Was der Musikindustrie widerfahren ist, wird auch im Buchgeschäft passieren. Entweder man findet eine legale Lösung, die die technischen Machbarkeiten anerkennt, oder die Nutzer ziehen sich in die Sphäre des Illegalen zurück. Erst wenn es zu spät ist, werden sich langsam die Verlage der neuen Lage anpassen und schließlich auch das Recht. Der Heidelberger Appell ist von dieser Zukunft aus gesehen nur ein erster Aufruf der Gestrigen, dem noch viele folgen werden.

Denken wir es doch einmal so. Wenn wir wissenschaftliche Texte schreiben, worum geht es uns? Darum Bücher zu verfassen, oder darum, zu denken und Gedanken mitzuteilen. Leider verhält es sich so, dass beides nicht mehr so selbstverständlich zusammenfällt wie früher. Gut 500 Jahre lang war das Denken auf gedruckten Buchseiten heimisch, und gut tausend weitere in Büchern überhaupt, seit der gebunden Codex die ältere Schriftrolle abgelöst hat. Was haben wir nicht alles unternommen, um die gedruckten Texte wieder dem Denken zuzuführen. Die Buchseiten sind voller Unterstreichungen, Anmerkungen an den Rändern, Bücher mit Zetteln gespickt. Alles Techniken, die einen Text wieder als aktives Wissen verfügbar machen. Ich wünsche mir, ich hätte schon seit Jahren an digitalen Texten gearbeitet, um all diese an Büchern verrichtete Arbeit nun nutzen zu können. Die Techniken des lesenden Schreibens und schreibenden Lesens muss mein Lesegerät unterstützen. Es muss an Stichworte springen können, Zitate finden und verknüpfen, Textstücke kopieren können.
Aber damit nicht genug. Denn ich würde gerne nicht nur meine eigenen Notizen sehen, sondern bei Bedarf auch die aller anderen Leser, die an einem Text gearbeitet haben. Es wird digitale Texte geben, zu denen sich über die Jahre Tausende von Querverweisen, Anmerkungen, Kommentaren und Diskussionen im Netz ansammeln. Aus dem bislang in Büchern gefangenen Texten wird ein Gebilde lebendigen Wissens entstehen.
Sollte sich jemand mit der Frage beschäftigen, wie man die deutsche Wissenschaftssprache retten kann, gibt es eine sehr einfache Möglichkeit. Nämlich genau diese Struktur aufzubauen. Und zwar unverzüglich, denn viel Zeit bleibt nicht. Sie wird so oder so, und zwar vermutlich zuerst in englischen Texten. Bbei der Starrköpfigkeit der Verlage vermutlich auf einer Basis, die den dezentralen Architektur der Filesharing-Netzwerke ähneln könnte. Eine technisch gesehen vernünftige Lösung, die so lange illegal vorangebracht werden wird, bis die Verlage zur Vernunft kommen, und sie selbst anbieten. Wer immer sich an die Arbeit machen will, sollte nicht lang fackeln. Denn ich weiß aus sicherer Quelle, dass die Entwicklungen bereits im Gang sind.

Ich lebe schon jetzt nicht von meinen Büchern. Sondern davon, dass ich gelesen werde, dass ich um neue Texte gebeten, als Berater angefragt und zu Vorträgen eingeladen werde. Worum geht es mir also letztlich? Darum, dass meine Texte gedruckt werden, oder darum, dass sie gelesen werden?
Was bleibt zu den Büchern zu sagen? Schon heute ist es für die künftige Wirkung wichtiger, Texte online verfügbar zu haben, als sie nur gedruckt vor sich zu sehen. Ich bin dabei, meine letzten Bücher zu schreiben. Noch zwei oder drei. Dann werden die Bücher als schöne und bunte Objekte einen neuen Platz gefunden haben und das Denken neue Formen entdecken.