Transmediale: 6 Tage Liebevoll verschworen.

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F.A.Z. : Das Netz entdecken

Väter mit Kinderwagen, heitere Studenten, Sonnenstrahlen im Foyer, ein Hauch von Frühling, der die ehemalige Kongresshalle in Berlin umweht. Keine Spur von der Verschwörung, zu der die Transmediale unter dem Titel „Conspire“ geladen hat. Akteure und Ausstellung geben sich beste Mühe, das Thema zu ventilieren, aber das konspirative Element entzieht sich, wie nicht anders zu erwarten.
Die Transmediale war immer eine hybride Veranstaltung, Konferenz, Treffpunkt, Seminar, Ausstellung und Video-Kino in einem. Dementsprechend mischt sich das Publikum, Hacker, Sonntagsspaziergänger, Kinder und Künstler. Für jeden ist etwas geboten, gutmütig und heiter zerstreut sich die Menge zwischen Foyer, Lounge, Seminar- und Konferenzräumen. Das Haus der Kulturen der Welt, in das das Festival nach zwei Jahren zurück gezogen ist, erweist sich als ein idealer Ort, um die vielen verschiedenen Angebote zu beherbergen.

Probleme macht lediglich der Ausstellungsraum, weil er schlicht zu klein ist. So drängen sich die Werke. Für Videos fand man die Lösung winziger Liege-Kabinen, die aber leider nur je zwei Betrachter beherbergen, so dass die Menge der Besucher außen vor bleibt. Die Kuratorin Nataša Petrešin-Bachelez mischt Arbeiten, die aus dem Kunstkontext kommen, mit Werken, der Herkunft und Ziele medial definiert sind. Dazu gehört etwa das Projekt Amazon Noir von Paolo Cirio, Alessandro Ludovico und ubermorgen.com, bei dem die Seitensuchfunktion von Amazon ausgenutzt wird, um ganze Bücher von Netz zu laden. Was im Internet seinen Reiz hat, wirkt als Installation im Raum erzwungen und hilflos. Ähnlich geht es der Electroboutique der Russen Aristarkh Chernyshev, Roman Minaev und Alexej Shulgin, die mit Referenzen auf Medienkunst aufgeladene Screens generiert, aber selbst Elektro-Trash bleibt.

So vielfältig und reichhaltig das Programm der Vorträge erscheint, sie leiden ein wenig am Thema. Die Einladung zur Verschwörung ist einmal mehr an die üblichen Verdächtigen gegangen. Politische Aktivisten und deren Lieblings-Theoretiker bleiben unter sich. Damit ist nur ein kleiner Ausschnitt jenes Feldes repräsentiert, das man als digitale Kultur bezeichnen kann. Manche der Vorträge tragen gar zum Thema wenig bei. Man weiß nicht genau, warum der Alt-Star der Konstruktivisten Humberto Maturana eingeladen ist. Wo er vom „loving human being“ spricht, gibt die Übersetzung stets ein „liebevolles menschliches Wesen“ wieder. Näher an das Thema und Wirklichkeit der digitalen Welt begeben sich einige der Panels, wenn es etwa um eine Politik der Furcht oder um die Folgen des Web2.0 geht, wobei vor allem kompetente Vortrag von Seda Gürses über Privatsphäre und Sicherheit herausstach.

Im Detail gäbe es noch viel zu berichten, aber im Ganzen stellt sich bei Transmediale eine große Frage. Lohnt es sich wirklich, das Festival substanziell zu fördern? Kurz gesagt: Ja. Und zwar nicht unbedingt, weil die diesjährige Ausgabe über alle Maßen überzeugt hätte. Sondern weil es sich um eine Veranstaltung handelt, die das, was als Kultur im Netz und in den Medien neu entsteht, umfassend darstellen und reflektieren könnte. Diesem Ziel ist sie in diesem Jahr unter dem neuen Kurator Stephen Kovats durchaus ein Stück näher gekommen. Aber es bleibt noch viel zu tun, um dem Anspruch gerecht zu werden.
Sie ihrer Gründung ist die Transmediale in einer Nische heimisch. Es würde nichts schaden, zu den Kritikern auch einige Unternehmensgründer einzuladen, oder neben der subversiven Kultur auch den neuen Mainstream zu repräsentieren, der sich im Netz auf Seiten wie Youtube oder Myspace ausbreitet.
Das Netz muss die Transmediale erst noch entdecken. So wenig wie die Website zu Kollaboration einlädt, so wenig macht die Organisation von den anderswo längst gebräuchlichen offenen Verfahren Gebrauch. Die Reboot-Konferenz in Kopenhagen oder jedes Barcamp sind dort um Längen voraus.
Kunst stellt im Zusammenhang der Transmediale immer ein Problem dar, obwohl es diese Mal immerhin gelungen ist, Positionen zu zeigen, die auch außerhalb der Medien-Nische Beachtung finden.
Zwar entkommt das Thema in diesem Jahr ein wenig der Beliebigkeit der vergangenen Ausgaben. Aber in der Gegenwart ist man mit dem aufgesetzten Slogan „Conspire“, der seit 2001 in aller Munde ist, kaum angekommen.

Ein Traum, könnte es gelingen aus der Transmediale eine Veranstaltung zu machen, die sich selbst nur zu 40% enthält, 30 % von der dänischen Web-Konferenz Reboot übernimmt, 20% von Burdas Digital Lifestyle Day und 10% vom jährlichen Kongress des Chaos Computer Clubs.



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