Nachruf auf das Jahr der Geisteswissenschaften

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taz: Wieder einmal müssen die Zöpfe fallen

Das Jahr der Geisteswissenschaften geht ergebnislos zu Ende. Dabei ist die Krise der Disziplin ihre große Chance: Mit dem Netz kann sie sich neu erfinden

Das sogenannte Jahr der Geisteswissenschaften ist vorbei. Das Label verhalf zu ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Und es führte zu Wiederbelebungsversuchen, einer unsinnigen Werbekampagne oder einem wenig überzeugenden Symposium zur Qualitätssicherung. Die sogenannte Exzellenzförderung hat derweil einen Bogen um das Wissen vom Geist gemacht. Alles in allem bleibt es also auch nach dem Jahr der Geisteswissenschaften dabei: Wenn sie sich nicht verändern, sind die Geisteswissenschaften auf dem Weg, zu verschwinden.

Das ist umso erstaunlicher, als ihr Wissen und ihre Kenntnisse durchaus gebraucht würden. Denn unsere Kultur wandelt sich radikal wie seit langem nicht mehr. Sie wird bis in ihre Fundamente erschüttert. Die kommerzielle Produktion verliert ihr auf Reproduktion gegründetes Geschäftsmodell und muss sich unter digitalen Bedingungen neu aufstellen. Auch an klassischen halbstaatlichen Kulturformen geht der Wandel nicht spurlos vorbei, seit die Mittel versiegen. Der hergebrachte Gegensatz von Produzenten und Rezipienten wird unscharf. Andere Arbeitsmodelle kommen auf, Kreative und Kulturschaffende organisieren sich neu, nenne man sie nun Creative Class oder digitale Boheme.

Gesucht wird also nichts dringender als Köpfe, die Kultur verstehen, das Netz und die neuen Technologien kennen und das Wissen besitzen, um Ideen und Lösungen für künftige Aufgaben und Angebote zu finden. Das schließt die Fähigkeit ein, den Gang der Dinge kritisch betrachten zu können. Dass man in Deutschland in dieser Hinsicht bislang nicht sonderlich produktiv war, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die kulturell relevanten Neuerungen im Netz. Praktisch alle neuen Plattformen, von Google über Wikipedia bis zu YouTube, stammen aus Amerika. Hierzulande beschränkt man sich auf Nachahmerprodukte. Damit sind wir im Feld der digitalen Kultur auf das Niveau einer zweiten Welt gesunken. Kultur reicht zwar nach wie vor über die digitale Welt weit hinaus. Aber es macht einen nicht ganz unwesentlichen Unterschied, ob die neuen Kulturtechniken vor Ort entwickelt oder von außen importiert werden.

Man kann den Rückstand auf diesem Feld dem Versagen der Kulturwissenschaften kaum anlasten. Aber es geht auch nicht um einen Vorwurf, sondern um den Blick auf künftige Möglichkeiten. Gerade erst erschließt sich das Feld, in dem die kulturellen Koordinaten von morgen erfunden werden. Es gibt genügend zu tun für Absolventen der Kulturwissenschaften. Wie kommen sie also in die unglückliche Lage, ausgerechnet jetzt in der Krise zu stecken?

Es hilft, einen Blick zurück auf die Gründung der Geisteswissenschaften zu werfen. Um unsere gegenwärtige Lage zu verstehen und die fehlgelegten Fundamente zu bestaunen, die das Haus nicht mehr lange tragen. Der Blick bleibt flüchtig, der Kürze zuliebe. Wie heute die Geisteswissenschaften, so befand sich um 1800 die Theologie in einer ähnlich prekären Lage. Neben Medizin und Jura war sie das dritte große Abschlussfach der alten Universitäten. Nun benötigten die neu entstehenden europäischen Nationalstaaten zwar viele Beamte, aber nie die Menge von Theologen, die die Universitäten ausstießen. Daher wurde die Ausbildung umgestellt, ohne die gottgefälligen Studien und ihre Methoden ganz abzuschaffen. Der Kultur kam dabei eine besondere Rolle zu. Denn die nachfeudalen Staaten begriffen nationale Kultur als Mittel, ihre innere Einheit zu festigen. Heute würde man von einer gigantischen Public-Relations-Maßnahme sprechen. Man baute Theater, Opern und Museen, um den Staat als Kulturnation zu repräsentieren. Die neuen Universitätsfächer wurden Teil der Maßnahme. Als Rüstzeug für den Dienst erhielten die künftigen Beamten eine Ausbildung in Kultur. Nicht umsonst behandelt Hegel, der Philosoph Preußens, in seiner Phänomenologie des Geistes das Staatswesen im Kapitel über Bildung.

Von der Theologie übernahm man dabei nun eine Methode, die sich als fatal erwies, weil sie Kreation und Wissen scheidet. Der Grund dafür ist einfach. Die Bibel wird nie neu geschrieben, sondern immer nur gelesen. Aus der Bibel-Exegese wird wiederum die Hermeneutik, die Wilhelm Dilthey 1883 als Standardmethode der Geisteswissenschaften festschreibt. Daher lernen Geisteswissenschaftler nur zu hören, nicht zu singen, nur zu sehen, nicht zu malen, nur zu lesen, nicht zu schreiben. Das mag für preußische Beamte genügt haben, erweist sich aber heute als vollkommen unzureichend.

Bekanntlich kommt ein Unglück selten allein. Und so wird es um 1800 unter den Wissenschaften dazu Mode, ihren Gegenstand historisch zu begreifen. Man schreibt alles als Geschichte – Naturgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Musikgeschichte, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte. Das schließt die Beschäftigung mit der Gegenwart weitgehend aus. Sie muss erst Geschichte werden, um Gegenstand der Wissenschaft zu sein. Seither fahren die Geisteswissenschaftler nicht nur mit gebundenen Händen, sondern auch noch mit dem Blick in den Rückspiegel durch die Welt.

Inzwischen wurden die fatalen Fundamente aus dem 19. Jahrhundert mit reichlich Anbauten erweitert. Einerseits um einen empirischen Ansatz, dessen Anhänger nicht ganz zu Unrecht als “Erbsenzähler” gelten. Andererseits um die Cultural Studies angelsächsischer Prägung, die sich so intensiv der Gegenwart widmen, dass sie ihre Geschichte zu vergessen drohen.

Ob das Feld der Kultur weiterhin das der Geisteswissenschaften bleibt, ist daher fraglich. Andere Disziplinen bieten bessere Bedingungen, um die Lücke zwischen Produktion und Rezeption zu schließen und den Blick nach vorn zu wenden. Der ideelle wie ökonomische Wert einer lebendigen Kultur lockt sie an. Um nur zwei Felder zu nennen, die das ungenutzte Wissen vom Geist zu verwerten beginnen. Einerseits die früheren Kunstakademien. Der Bologna-Prozess drängt sie dazu, neue Studiengänge mit wissenschaftlicher Prägung zu entwerfen. Dabei sind sie selbstverständlich in der Lage, Kreativität und Wissen zu verbinden. Das andere Interesse stammt aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Kultur findet auch als ökonomischer Faktor zusehends mehr Beachtung. Exotische, aber anders als die Geisteswissenschaften stark expandierende Disziplinen wie etwa die Organisationswissenschaft haben das längst entdeckt.

Dass es weiterhin Wissenschaften der Kultur geben wird, steht kaum zu bezweifeln. Fraglich ist nur, welche Rolle das Wissen der alten Geisteswissenschaften künftig spielen wird. Gelingt es ihnen nicht, sich zu erneuern, droht ihnen ein ähnliches Schicksal, wie es die Theologie ereilte. Als eines der drei wichtigsten Fächer im universitären Kanon um 1800 schrumpfte sie auf das Maß eines Orchideenfaches. Sollte sich das wiederholen, verlören sich die akademischen Diskurse der heutigen Geisteswissenschaften in dem scholastischen Dunkel, das nicht nur ihren akademischen Schreibstil auszeichnet. Aber noch kann der Wandel gelingen. Die Lage sieht, genau betrachtet, so gut aus wie selten zuvor.

Was ist zu tun? Der Schauplatz der Lösung liegt im Netz. Denn es treibt nicht nur den kulturellen Wandel an, sondern bildet auch das Fundament künftiger Wissenschaften. Das Netz ist nicht die Gefahr, sondern die Gelegenheit für die Geisteswissenschaften, wahrscheinlich die letzte Gelegenheit zur Rettung, wenn man es dramatisch sehen will. Es betrifft die Kulturwissenschaften nicht nur als Gegenstand, sondern auch methodisch. Noch zeichnet sich die Zukunft nur schemenhaft ab, sowohl was die Zirkulation von Texten und Thesen betrifft als auch die Formen der Lehre und des Austauschs von Wissen. Andere Disziplinen sind dort weiter als die Geisteswissenschaften. Nicht nur Informatiker weisen den Weg, sondern auch all jene teils unter Programmierern und Hackern, teils in Unternehmensberatungen entwickelten Lehr- und Lernformen, die derzeit nur ganz langsam in die Universitäten einsickern.

Die dort herrschende Rückständigkeit zeigt sich wohl am deutlichsten in der Tradition der Sammelbände. Sicher ist und bleibt ein Buch das bevorzugte Medium des Lesens. Sobald es aber beim Lesen um die Zirkulation von Wissen, von Thesen und Gedanken geht, ist das Netz dem Papier überlegen. Dennoch bestehen gerade die Vertreter der Geisteswissenschaften darauf, für das Fachpublikum bestimmte Aufsätze und Doktorarbeiten repräsentativ in Buchform vorzulegen, zumeist mit Hilfe horrender Druckkostenzuschüsse. Dieses Geld wird zu einem geradezu widersinnigen Zweck verschwendet. Anstatt im Netz frei verfügbar zu sein, dämmert der Fachaufsatz zwischen Buchdeckeln in ausgewählten Bibliotheken vor sich hin. Der Wille zum Wissen kommt gegen den Willen zur Repräsentation nicht an.

Wieder einmal müssen die Zöpfe fallen, auch und gerade die, die man sich in den letzten Jahren unter der verräterisch höfischen Floskel der “Exzellenz” umgehängt hat. Weitere Millionen für obskure Sonderforschungsbereiche und andere Wirkungsstätten professoraler Selbstgenügsamkeit, im bewährten Eine-Hand-wäscht-die-andere-Verfahren vergeben, werden am Dilemma wenig ändern. Die Aufgaben sind einfach und schlicht: das Netz als Organisationsform von Wissen und Lehre ernst nehmen. Geschichte nicht als Selbstzweck, sondern Vergegenwärtigung betreiben. Und endlich der Theologie eine Absage erteilen: Rezeption also wieder an die Produktion binden, Wissen und Handeln vereinen.



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