Medienkunst gibt es nicht

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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Es gibt gar keine Medienkunst!
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Mit der Transmediale beginnt morgen eines der größten Festivals für „Kunst und digitale Kultur“, nach wie vor als „kultureller Leuchtturm“ gefördert. Die Leitung hat gewechselt, ebenso die Bezeichnung – von Medienkunst keine Rede mehr. Denn kaum ein Künstler will sich noch Medienkünstler nennen. Was ist geschehen?
Ist die Medienkunst am Ende? Die Schwierigkeiten beginnen schon beim Begriff „Medien“. Über die Jahre ist er so unscharf geworden, dass nur noch wenige Dinge das Privileg besitzen, kein Medium zu sein. Und Medienkunst? Es gibt viele Künstler, die mit vielerlei Medien arbeiten. Wenn man Malerei als ein Medium ansieht, findet sich kein Künstler, der nicht in einem Medium tätig sein würde.

Rückblickend stellt sich die Frage, wann und warum von Medienkunst geredet wurde. Die Sach- und Interessenlage ist etwas kompliziert. Denn es geht nicht nur um Kunst und Kunstwerke. Es geht um die modernistische Idee der Avantgarde, um Fördermittel und Innovationstöpfe, um Popkultur und Hochkultur.
Wie kommt es also dazu, dass niemand mehr Medienkünstler sein will? Medienkunst ist kein einschließender, sondern ein ausschließender Begriff. Wer sich nicht einfach als Künstler, sondern als Medienkünstler bezeichnet, ordnet sich einer exklusiven Gruppe zu. Das lohnt sich nur, solange diese kleine Exklusion einen Mehrwert abwirft. Seit geraumer Zeit aber machen die sogenannten Medienkünstler die traurige Erfahrung, in mehr oder weniger unattraktiven Nischen der Kunstwelt zu enden. Anstatt auf den großen Messen und im internationalen Zirkus der Biennalen zu reüssieren, versacken sie auf Professorenstellen in der Provinz oder in der Obhut halbindustrieller oder halbstaatlicher Institutionen.

Springen wir an den Anfang der Geschichte. Die meisten Dinge und Geräte, die man als Medien bezeichnet, brachte das 19. Jahrhundert hervor. Der Beginn der Moderne fällt in dieselbe Zeit wie die Erfindung der Fotografie. Und zwar nicht ohne Grund. Denn damit verbindet sich ein Ausschluss, der sich als wegweisend herausstellt und für das eigenartige Verhältnis von Medien und Kunst verantwortlich ist. Um 1860 gelingt es den Malern, das Museum als ihren angestammten Ort zu verteidigen. Fotografie findet dort vorerst keinen Platz und damit auch keinen Platz in der Kunst. Seitdem steht Kunst zu allen Techniken der Reproduktion auf dem Kriegsfuß und kann deren Erzeugnisse nur in limitierten Auflagen ertragen. Das führt dazu, dass Preis für Kunst sich nicht auf einem Markt reproduzierbarer kommerzieller Massenprodukte bildet, sondern in einem sehr diffizilen Geflecht von Kennerschaft und Kunsthandel. Kunst ist damit weitgehend unabhängig von neuen Technologien der Reproduktion und Distribution, sprich von neuen Medien.

Warum und wann also kamen die Medien zur Kunst zurück, nachdem sie einmal ausgeschlossen waren? Hier gibt es zwei verschiedene Geschichten, eine der Sache und eine des Wortes. Einerseits kam es immer wieder zu Einbrüchen neuer Technologien in die Kunst. Andererseits geriet, und zwar verhältnismäßig spät, der Begriff Medien in Gebrauch.
Dass die technischen Neuerungen der jüngeren Zeit die Kunst nicht im Kern verändern, zeigt der fortgesetzte Erfolg der alten Medien Malerei, Zeichnung oder Skulptur. Es gibt keine technischen Zwänge, wie man sie aus anderen kulturellen Feldern wie Musik oder Film kennt. Dort treten neue Medien an die Stelle der alten, Reproduktionsverfahren und Distributionswege müssen vollkommen neu erfunden werden. Nicht so in der Kunst. Neue Medien sind ihr gegenüber akzidentell. Man kann mit ihnen arbeiten, muss aber nicht. Der Grund für den Einbruch neuer Technologien in die Kunst liegt also nicht im Technischen. Wo dann?

Kurz gesagt: im Neuen. Für die Kunst war das Neue als eigenständiger Wert nicht immer so wichtig wie im Zeitalter der modernen Avantgarden. Doch in jüngster Zeit ist der avantgardistische Impuls weitgehend versiegt. Die Medienkunst war in gewisser Weise ein ebenso verspäteter wie vergeblicher Weg, das Phantom der Avantgarde zu reaktivieren. Den ersten und durchaus erfolgreichen Versuch, neue Techniken in der Kunst zu übernehmen, machen die italienischen Futuristen. Vieles davon findet Widerhall in den Avantgarden der 20er Jahre, vom Konstruktivismus zum Bauhaus. Doch die neuen Technologien fassen in der Kunst nicht wirklich Fuß. Nach dem Weltkrieg dominiert wie eh und je Malerei.
Ein zweite Welle technischer Neuerungen kommt parallel zu den sogenannten Massenmedien. Das Verhältnis von Konzeptkunst zu Technologien hat Sabeth Buchmann jüngst in ihrem Buch „Denken gegen das Denken“ detailreich untersucht. Fotografie erreicht die Galerieräume als Mittel, Performances oder Land-Art außerhalb der Ausstellungsräume zu dokumentieren. Die Kombination verschiedenster Medien macht der Fluxus-Künstler David Higgins 1966 in seinem Essay „Intermedia“ zum Thema. 1967 kommt unter dem Namen Portapak die erste portable Videokamera auf den Markt. Gerry Shums Fernsehgalerie aus dem Jahr 1968 gibt der Videokunst Raum. Einige Jahre zuvor lenkt Marshall McLuhan mit seinem Buch „Understanding Media“ eine größere öffentliche Aufmerksamkeit auf die Medien.

Aber noch erlangt der Begriff keine Macht im Umfeld der Kunst. Statt dessen spricht man von Video, Technologie, Information oder dem Elektronischen, das 1979 der Ars Electronica ihren Namen verleiht. Erst Mitte der 80er Jahre tritt der Begriff Medien in den Vordergrund.
Digitale Medien ersetzen die alten analogen Technologien, allerorten ist von der Ankunft der Neuen Medien der Rede. Mit dem Attribut neu verbindet sich eine alte Hoffnung. Es birgt das Versprechen einer Avantgarde. Neu sind nicht länger nur die Wilden Maler der 80er, sondern auch die Technologien. Aber im Gegensatz zu den gut überlegten Positionen der Konzeptkunst führt das neuerliche Vertrauen in die Technologien zu einer Inflation von Banalitäten. Medienkünstler plappern technophile Slogans von der Simulation bis zum Virtuellen nach und verlieren sich in haltlosen Experimenten an Schnittstellen und Computer-Kitsch.
Früchte trägt der dritte Einbruch des Medialen auf institutioneller Ebene. 1990 wird die Kunsthochschule für Medien in Köln gegründet, 1999 folgt das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Damit gehen akademische Versuche einher, einen Kanon zu formulieren und Medienkunst als Genre zu etablieren. An den scheinbaren Erfolg der Medienkunst will wenig später die Netzkunst anknüpfen. Aber spätestens hier wird das Dilemma offensichtlich. Den entscheidenden technisch-kulturellen Innovationen hinkt die Kunst hinterher. Das Internet wächst an Forschungseinrichtungen und Universitäten, durch Standardisierungen und Programmiersprachen und nicht zuletzt mit dem kalifornischen Schulterschluss von Investoren und Entrepreneuren. So verliert die Medienkunst an beiden Seiten. Weder prägt sie die Kultur der Medien und noch erlangt sie innerhalb der Kunstwelt eine Position von Bedeutung. Um es drastisch zu sagen: viel kreative Energie wurde dafür verschwendet, Kunst mit den Medien zu versöhnen, während man anderswo das Netz als Programm und Ökonomie real verwirklichte.

Heute ändert sich die Lage der Medien dramatisch. Was sich im Verlauf des letzten Jahrhunderts als Foto, Film, Video, Fernsehen, Schallplatte, Radio und so weiter nebeneinander entwickelt hat, wird von einer übergreifenden digitalen Kultur vereinheitlicht. Man unterscheidet noch zwischen Formaten und Schnittstellen, aber die Grenzen zwischen einzelnen Medien verschwinden. Im Netz konvergiert, was zuvor getrennt war. Jedes Handy ist ein kleiner Computer mit Online-Anschluss, der sämtliche Sinne bedient. Medien sind passé.

Was bleibt zu sagen? Medienkunst war eine Episode. Da ihre Institutionen nicht vergehen, lebt sie als Dinosaurier der 80er und 90er Jahre weiter. Auf der anderen Seite hat Kunst technologisch längst die meisten Grenzen überwunden. Künstler arbeiten mit beliebigen Medien, von der Zeichnung bis zum Internet. Als Gegenkultur zu den kommerziellen Produkten der Netze und Medien nimmt Kunst nach wie vor eine wichtige Position ein. Aber allein technisch lässt sie sich nicht auf den Begriff bringen. Es gibt genug gute Kunst, die ganz selbstverständlich Medien einsetzt. Aber es gibt keine Medienkunst.



2 Kommentare to “Medienkunst gibt es nicht”

  1. Rohrpost: Medienkunst gibt es nicht | StefanHeidenreich, 5.2.08

    [...] Antwort auf eine kleine Diskussion, die der Artikel auf Rohrpost entfacht [...]

  2. heiko recktenwald, 30.8.11

    David Higgins 1966 ist Dick Higgins!

    Siehe auch:

    Pop Architektur Concept Art
    Higgins, Dick
    Vostell, Wolf
    Düsseldorf
    Droste
    1969. o. Pag. : zahlr. Ill.

    mit dem schoenen Beitrag von Beuys zum Mauerbau:

    Mauer um 5 cm erhoehen, bessere Proportionen!

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