Die Intensität der blauen Gitarre

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Über zwei Vorträge von Alain Badiou
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Alle Jahre wieder kommt ein neuer Meisterdenker aus Frankreich. Man glaubt, es ist damit vorbei, wenn der letzte gestorben ist. Erst Foucault, denn Deleuze, dann Derrida. Nein, es ist nicht vorbei. Es kommt der nächste. Nicht aus dem nichts, sondern nur in Deutschland unentdeckt, weil einmal mehr ein über fünfhundertseitiges Hauptwerk nicht übersetzt wurde. „Das Sein und das Ereignis“ heißt das betreffende Buch von Alain Badiou, geschrieben 1988, auf deutsch erschienen 2005. Schon im Titel ist der Hinweis auf Heidegger unüberlesbar. Und tatsächlich hat der Meister keine Mühe, sich in einer kleinen Genealogie zu verorten, die geradewegs von Plato zu Badiou führt, über Hegel – Nietzsche – Heidegger – Deleuze. Das gesagt, räuspert er sich, streicht sich durch die zurückgekämmten weißen Haare und stößt ein Lachen aus, das ein wenig wie Husten klingt. Gelesen hat das Hauptwerk kaum einer der Zuhörer, die sich um die Stimme des Meisters scharen. Und davon gibt es genug. Zwei Vorträge hat Badiou am letzten Wochenende in Berlin gehalten. „Democracy against Democracy“ in Humboldt-Universität, „Art and Politics“ in den Kunst-Werken. Um einen Platz zu besitzen, empfiehlt es sich, mehr als eine Viertelstunde vor Beginn des Vortrags zu erscheinen. Wer zu spät kommt, darf kaum hoffen, das Gesicht des Redners zu sehen.
Am Anfang reißt Badiou ein paar Witze. Er spricht auf Englisch und verpasst nie, seinen Akzent zu kommentieren. „Ich bin Franzose. Wir sind in Deutschland. Und sprechen Englisch. So weit reicht die Macht des Imperiums.“ Tatsächlich ist er, im Gegensatz zu anderen französischer Philosophen, die der Ruf der Welt ereilt, leicht verständlich. Er baut klare Sätze und spricht jedes französische Lehnwort, sei es Beauty oder Intensity wie sein Gegenüber Beauté oder Intensité. So als wolle er daran erinnern, dass der philosophische Anteil im Englischen schon immer Französisch war.
Dann geht es geradewegs zur Sache. Oder zumindest zu dem, was Badiou vorschlägt, als Kern anzunehmen. In beiden Fällen bringt er Begriffsgegensätze vor, die so einfach wie klar sind. Wahrheit oder Freiheit, wenn wir über Philosophie und Demokratie sprechen. Sein und Erscheinen, wo von Kunst und Politik die Rede ist. Ein Muster mit System, und kein schlechter Anfang, um mit dem Denken zu beginnen. Um das Gegensatzpaar spannt Badiou ein Geflecht von Begriffen, das seine Thesen innerhalb der klassischen modernen Philosophie verortet. Doch dann erreicht er stets einen Punkt, an dem er dem selbst gesetzten philosophischen Kanon entflieht.
In den Kunst-Werken hat man zwei junge Herren an seine Seite bestellt, die in sein Denken einzuführen wollen und sich dabei zum sichtlichen Missfallen des Meisters sehr bemühen, alles richtig zu machen. Der eine von beiden belehrt das Publikum, es müsse sich gegen eine Politik der Furcht zusammenschließen. Er wirkt glaubhaft, denn man spürt das Zittern in seinen Händen, man sieht die Schweißperlen auf seiner Stirn unter dem strengen Blick des Meisters, der mittlerweile die Arme vor der Brust verschränkt hat.
In beiden Vorträgen sind es Gedichte des amerikanischen Poeten Wallace Stevens, die den philosophischen Diskurs aus der Bahn zu werfen. Plötzlich tritt zur Politik die Idee des Ortlosen. Nur im Denken und Handeln ohne Ort lässt sich, so Badiou, eine andere Welt konstruieren. Man weiß nicht genau wie, aber es kommt der Eindruck auf, damit könnte etwas damit auf sich haben. Ungleich obskurer erscheint der Ausweg für die Kunst. Hier zaubert Badiou aus einem Gedicht von Stevens eine „Blue Guitar“ hervor. Dank poetischer Magie verfügt diese Blaue Gitarre über jene Intensität, die Sein und Erscheinen eins werden lässt.

So rätselhaft seine Ausführungen stellenweise bleiben mögen. Es gibt einen Impuls, der sie trägt. Man nimmt es Badiou ab, mit seinem Denken etwas erreichen zu wollen. Damit ist er Meilen von allem entfernt, was sich in den abendlichen deutschen TV-Runden als Philosoph gebärdet. So gut es den hiesigen Salonlöwen gelingt, zu jedem Thema ein schlaues Bonmot parat zu haben, um keine Referenz verlegen zu sein und immer eine gewitzte Antwort zu wissen, ihre zur Schau gestellte Klugheit kann mit der Energie einer Überzeugung nie konkurrieren. Badiou verfolgt nicht das Ziel, die Lage abschließend zu klären. Seine Gedanken nehmen von einen System ihren Ausgang, um es in Geflecht offener Enden zu verwandeln. Er fordert auf weiterzudenken.

In seinen Schlüssen kehrt er von der Poesie zu Formeln zurück, die das poetische Bild in Denken und Handeln überführen. Wie immer, wenn die Antwort auf die Frage „Was tun“ ansteht, tendieren die Auskünfte dazu, banal zu werden. Aber es verdient Respekt, wenn einer nicht zaudert, sich dem Feld der Banalitäten zu nähern.
Was also tun in der Demokratie? Sie ist längst Staatsform im Sinn Lenins geworden und sollte eigentlich in Demokratie als Aktion überführt werden. Weit konkreter seine Ratschläge an die Kunst. Sie darf sich nicht länger in Widerstand, Negation und Kritik erschöpfen. Denn Kunst soll eine neue Welt affirmieren.



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