Digitalability

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Designmai-Magazin

Ability und Digital, die Fähigkeit zu etwas und das Digitale, lassen sich auf zwei Wegen verbinden. Wozu befähigen digitale Technologien? Wozu sind sie selbst fähig? Anders gefragt: Was tun wir mit den digitalen Techniken? Was tun sie mit uns? Marshall McLuhan entschied sich zwischen beiden Fragen in „Understanding Media“ 1968 für eine Antwort: „The Medium is the Message“ – das Medium ist die Botschaft. Seitdem hat sich im Verlauf von fast 40 Jahren einiges verändert, nicht zuletzt durch die Digitalisierung. All die Medien, die McLuhan damals noch klar voneinander unterscheiden konnte – Schrift, Film, Radio, Fernsehen usw. – sind in der einen universalen diskreten Maschine aufgehoben, im Computer und seinen digitalen Rechenprozessen. Auf der einen Seite des Digitalen kennen wir noch Schnittstellen, Geräte, Gadgets: Chips mit Verkleidung, rechnende und berechnete Objekte. Auf der anderen Seite sehen und hören wir die Daten hinter Protokollen und Formaten: jpg, mp3, Internet, WorldWideWeb, auch Second Life. Die Medien in Mcluhans Sinn sind dabei, zu verschwinden. An ihre Stelle treten Oberflächen und Geräte, Formen und Formate des Digitalen.
Was heißt das für die Welt der materiellen Dinge, der immateriellen Schnittstellen und des Designs? Es gibt kaum mehr ein Ding, das nicht im Verlauf seiner Entstehung digitale Information war – ob als Skizze, Entwurf, Bauplan oder dreidimensionale Form. Heute verlassen die meisten Objekte die Hülle der sie erzeugenden und umgebenden Datenströme nie mehr vollständig. Ein Teil von ihnen verbleibt im Kreislauf der Information. Sie kommunizieren miteinander und vernetzen sich, sie kennen ihren eigenen Namen und den ihres Besitzers. Die Dinge führen eine Doppelexistenz. Zur materiellen Dinghaftigkeit tritt eine immaterielle Parallele als Datensatz in den Kreisläufen der Produktion, des Konsums und der Information. Bruce Sterling spricht von der Verwandlung der Objekte in Gizmos und Spimes, Bruno Latour fordert ein Parlament der Dinge.
Zurück zu McLuhan. Wie können wir den Satz „Das Medium ist die Botschaft“ neu verstehen? McLuhans Aussage richtet sich gegen den Glauben, dass ein Medium nur ein Mittel sei, das einem vorausbestimmten Zweck dient. Vielmehr bringt es seine Verwendung und seine Funktion erst hervor. Das lässt sich auf die hybriden Objekte – halb Dinge, halb Daten – übertragen. Zuerst einmal bedeutet es, dass sich die Verhältnisse von Form und Funktion nicht wechselseitig beobachten und planen lassen.

Was ist ein Ding? Ein materielles Objekt, das zu einem bestimmten Zweck gebraucht wird, könnte man sagen. Doch schon immer überschreibt der ästhetische Sinn diesen Zweck und prägt den Dingen Verzierungen und Ornamente auf. Die Variationen der Dinge haben sich im kapitalistischen Überfluss der Waren vervielfacht. Jedes Objekt wird ikonisch codiert und mit einem „Image“ markiert. Wenn die Dinge nun als Datensätze fortbestehen, eröffnen sich diesen und weiteren Codierungen neue Spielräume. Aber die Codes lagern sich nicht einfach um das Material wie unsichtbare Häute. Sie wirken zurück und schreiben Gebrauchsweisen um.
Nehmen wir als Beispiel jene Klasse von handgroßen Objekten, die aus dem Mobiltelefon entstanden sind und mittlerweile mit nahezu beliebigen Funktionen überladen werden. Die Frage, wozu so ein Ding da ist, lässt sich nicht mehr sinnvoll stellen. Man kann nicht entscheiden, ob es eine bestimmte Schnittstelle wie etwa eine Tastatur benötigt. Die richtige Frage lautet: Was wird aus ihm ohne Tasten? Mcluhans Satz lässt sich als das Gegenteil von Louis Henri Sullivans „form follows function“ verstehen. Funktionen stellen sich erst ein, wenn die Objekte und Oberflächen vorhanden sind. Aber gleichzeitig wissen wir nicht, welche Funktion ein neues Objekt tatsächlich erfüllen wird. Es trägt ein Potenzial in sich, dem es sich sperren oder das es annehmen kann. Damit betritt das Ding einen Kreislauf von Information, Konsum und Gebrauch. Es ruft nach Varianten und Korrekturen. Es ist, um es in der Sprache der Programmierer und Spieler zu sagen, nichts anderes als die momentane Instanz eines Datensatzes. Jederzeit kann sie der Nachfrage am Markt oder den individuellen Bedürfnissen angepasst werden.
Die Frage „welche Dinge benötigen wir in der neuen Welt?“ hilft uns nicht weiter. Der Denkweg verläuft anders. Was für eine Welt wird es sein, in der die Dinge Daten sind und ungekehrt?



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